Von den 630 islamistischen Gefährdern, die das Bundeskriminalamt in diesem Jahr registriert, sitzen aktuell 110 in deutschen Gefängnissen eine Freiheitsstrafe ab. Gut 50 weitere seien im Ausland inhaftiert oder in Gewahrsam genommen. Experten warnen aber, die Gefahr einer weiteren Radikalisierung in den Gefängnissen zu unterschätzen.

„Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass alle Gefahr gebannt sei, sobald ein Gefährder einmal hinter Schloss und Riegel ist“, weiß auch der Hessische Landtagsabgeordnete Ismail Tipi. Er gilt nicht nur als Integrationsexperte, sondern hat sich auch im rechtsstaatlichen Kampf gegen Salafismus und radikal-islamistische Strömungen in Deutschland verdient gemacht. „Bei einigen mag eine Haftstrafe zwar Einsicht bewirken, bei vielen anderen jedoch wird sich die Gesinnung auch hinter Gittern nicht ändern. Schlimmer noch: Der Hass und der Rachedurst können im Gefängnis manchmal sogar noch größer werden, sodass die Gefährder noch radikaler als zuvor aus den Gefängnissen zurückkehren und Vergeltung üben wollen.“

Tipi sieht aber noch ein weiteres großes Problem: „Viele Islamisten gehen so hasserfüllt in die Gefängnisse, dass sie hier ansteckend wirken. Nicht selten versuchen sie im Gefängnis gezielt Eiferer für ihre Sache anzuwerben und verbreiten ihren Hass weiter während sie ihre Freiheitsstrafe absitzen. Die von vielen Gefangenen empfundene Monotonie und eine gefühlte Perspektivlosigkeit spielen den islamistischen Menschenfängern hierbei in die Hände. Außerdem kommt es häufiger vor, dass sich gleichgesinnte Gefährder in den Gefängnissen begegnen und so gegenseitig ‚motivieren‘ und hochschaukeln, nicht von ihrem Weg abzukehren. So soll es beispielsweise auch bei den Terroristen des Attentats auf die ‚Charlie Hebdo‘-Redaktion gewesen sein: Sie lernten sich offenbar in einem französischen Gefängnis kennen.“

Tipi sieht daher eine wichtige Aufgabe darin, aufzuklären und auch in den Gefängnissen geduldige Präventionsarbeit zu leisten beziehungsweise gut durchdachte Angebote für Gefährder zu schaffen, die diese anregen sollen, aus eigener Überzeugung die eigene Einstellung zu überdenken und zu ändern. „So können wir vielleicht einige erreichen, bei weitem aber nicht alle“, erklärte Tipi. „Deshalb müssen wir bei Haftentlassungen von Gefährdern genau überprüfen, wie diese überwacht werden können und überwacht werden müssen, um eine erneute Radikalisierung oder gar die Vorbereitung terroristischer Anschläge zu verhindern. Ein weiterer wichtiger Faktor ist für mich die Ausweisung aller nichtdeutschen Staatsbürger unmittelbar nach deren Haftentlassung.“ Allein 2020 sollen mehrere dutzend als gefährlich geltende Islamisten aus der Haft in Deutschland entlassen werden, wie die WELT AM SONNTAG kürzlich berichtete. „Jeder Einzelfall muss hier genau bewertet und einer detaillierten Risikoanalyse unterzogen werden. Nur so können wir sicherstellen, dass von freikommenden (Ex-)Gefährdern und (Ex-)Islamisten keine weitere Gefahr für unser Land, seine Bürger und unser aller Sicherheit mehr ausgehen kann.“

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