Durch die Corona-Pandemie ausgelöst erwarten die Vereinten Nationen in diesem Jahrzehnt zusätzlich etwa 13 Millionen Kinderehen, die es ohne Corona wohl nicht gegeben hätte. Eine alarmierende Zahl. Nicht nur weltweit, sondern auch in Deutschland braucht es daher einen Kampf gegen Kinderehen und Zwangsheiraten, findet der Hessische Landtagsabgeordnete Ismail Tipi.

„Für mich ist der Schutz von jungen Mädchen und Frauen eine der wichtigsten gesamtgesellschaftlichen Aufgaben unserer Zeit. Wir alle wollen, dass jeder, der in unserem Land lebt, in den vollen Genuss seiner freiheitlichen Rechte kommt, ohne Furcht oder Angst aufwachsen kann und so schlussendlich zu einem mündigen Bürger dieses Staates heranwächst, der die Demokratie aktiv mitgestalten kann“, so erklärte Tipi.

Vielen jungen Mädchen drohten Zwangsheiraten, arrangiert von den eigenen Eltern oder den Familienoberhäuptern patriarchalisch organisierter Clans. Bereits im jungen Alter von 13, 14 oder 15 Jahren würden Ehen ausgemacht, Mädchen an deutlich ältere Männer versprochen und Hochzeiten im Geheimen oder im Ausland vollzogen, schildert der Abgeordnete die Problematik. „Völlig klar ist doch aber: Wenn Mädchen in diesem Alter verheiratet werden, ist das Kindeswohl hierbei nicht maßgeblich. Vielmehr geht es um finanzielle Interessen oder familiäre Seilschaften, denen die Mädchen zum Opfer fallen. Statt in der Schule mit gleichaltrigen zu lernen, zu spielen und eine unbeschwerte Kindheit und Jugend zu verleben, werden diese Mädchen aus ihrem gewohnten Umfeld herausgerissen. Viele Zwangsverheiratete werden zum Umzug gezwungen, von der eigenen Familie und den Freunden abgekapselt und müssen ihrem neuen Ehemann als Haushälterinnen dienen, von erzwungenem Geschlechtsverkehr bis hin zu ungewollten Schwangerschaften ganz zu schweigen“, warnt Tipi, der schon seit langem gegen Zwangsheiraten kämpft. Die physische und psychische Gewalt, die in Kinderehen zur Tagesordnung gehöre, werde oftmals unterschätzt – von den Spätfolgen ganz zu schweigen.

Dass diese Problematik keineswegs nur außerhalb Deutschlands auftritt, sondern auch hier von großer Relevanz ist, zeigen die Zahlen der Polizeilichen Kriminalstatistik des vergangenen Jahres: Nach 75 Fällen in 2017 und 2018 waren es im letzten Jahr 74 Fälle. 46 Prozent davon wurden als Versuche gezählt. 9 weibliche Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren sowie ein junger Mann und 23 junge Frauen zwischen 18 und 21 Jahren waren 2019 von Zwangsheirat betroffen.

„Zwar hat der Bundestag 2017 ein Gesetz gegen Kinder- und Zwangsehen verabschiedet, dass jedoch in der täglichen Praxis kaum Wirkung zeigt. Bis einschließlich März 2020 seien nur 104 Anträge auf Eheauflösung gestellt worden. Terre des Femmes spricht zugleich jedoch von 813 aufhebbaren Ehen, zwischen Inkrafttreten des Gesetzes am 20. Juli 2017 und dem September 2019. Allein in Nordrhein-Westfalen habe man 230 solcher Ehen verzeichnet. Ich kann einfach nicht verstehen, wieso es uns nicht gelingt, hier besser und schneller einzugreifen und großes Leid junger Mädchen zu verhindern“, ärgert sich Tipi.

„Zwangsehen sind kein Kavaliersdelikt, sondern ein schreckliches Verbrechen. Sie beschneiden nicht nur Freiheit und Kindeswohl, sondern können junge Mädchen für ihr ganzes Leben schädigen. Selbst wenn ihnen beispielsweise die Flucht aus einer arrangierten Ehe gelingt, so steht ihnen anschließend der Verstoß aus der eigenen Familie, gesellschaftliche Ächtung in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis oder ein jahrelanges Martyrium wegen physischer oder psychischer Folgen bevor. Daher gilt es, diesen Teufelskreis frühestmöglich zu durchbrechen. Das Verbot der Zwangsehen muss mit aller Konsequenz umgesetzt sowie Beratungs- und Präventionsangebote deutlich ausgebaut und flächendeckender initiiert werden. Zudem muss die gesellschaftliche Wachsamkeit geschärft und selbstverständlich das bereits bestehende Gesetz gegen Kinderehen endlich konsequenter angewandt werden“, fordert Ismail Tipi.

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